Ich war hier, das ist meins

Selfie um 1900
Selfie um 1900

Einige Überlegungen zum Bild im Netz.

„Thomas Pynchon loved this book, almost as much as he loves cameras!“ – Thomas Pynchon in The Simpsons, Diatribe of a mad housewife. 

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Was ist öffentlich? Die vorherrschende Idee von Öffentlichkeit ist, dass es ein Ort ist, wo Menschen zusammenkommen, um Probleme des öffentlichen Lebens zu besprechen und möglichst Lösungen dafür zu finden. Diese Öffentlichkeit ist im Verschwinden begriffen, sagen die Soziologen.

Wenn es sie denn je gab. Denn was in dieser Definition nicht erwähnt wird ist, dass nicht alle Mitglieder der Gemeinschaft zusammenkommen – weder früher noch heute. Die Gemeinschaft definierte sich durch Ausschluss. Die Öffentlichkeit in der Antike (die als Modell/Vorbild für unsere Öffentlichkeit dient) war Männern vorbehalten (auch nur ganz bestimmten Männern), während Frauen die privaten Sphäre vorbehalten war.

In den 1970er Jahren hieß es „Das Private ist politisch“. Alles ist politisch, nicht nur die Politik. Wie wir leben, wie wir arbeiten, wie wir unsere Kinder erziehen, wie wir Fotos machen und sie zeigen. Die Sphären zwischen Öffentlich und Privat fingen spätestens dann an sich zu vermischen.

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Im Internet vermischt sich nun alles. Die Sphären der Öffentlichkeit und des Privaten sind nicht mehr voneinander getrennt. Das Policy Paper der UN steht neben Katzenbildern.

In der Netzwerk-Gesellschaft ist alles miteinander verbunden. Die Bauern, die Zuckerrüben in Brasilien anbauen, und der Geschäftsführer der Deutschen Bank. Oder vielleicht direkter: die Frauen, die in China Computer-Chips zusammenbauen, und ich an meinem Rechner, an dem ich diesen Text schreibe.

Manche Leute finden das unübersichtlich und sehnen sich nach einfachen Strukturen zurück (wenn sie denn je einfach waren). Aber Netzwerken wohnt auch Schönheit inne. Die Schönheit der Komplexität, der Vielschichtigkeit, des Kaleidoskops – eine Drehung und das Bild sieht anders aus.

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Was ist der Unterschied zwischen Fotos früher und Fotos heute? Die schiere Masse an Bildern ist nur ein Teil der Antwort. Schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird Fotografie als Massenmedium wahrgenommen. Der „Kodak-Moment“ aus der Werbekampagne des Filmerherstellers Kodak ist im Englischen zum festen Begriff für einen auf Film gebannten, erhaltenswerten Alltagsmoment geworden. Kodak musste 2012 Insolvenz anmelden, Kodak-Momente gibt es immer noch.

1977 diagnostiziert die US-amerikanische Kulturkritikerin Susan Sontag, dass die Fotografie ein chronisch voyeristisches Verhältnis zur Welt erzeugt. Wir beobachten nur, anstatt teilzunehmen. Mit dem Internet sind wir jedoch nicht so sehr Voyeure, sondern zu gleichen Teilen Exhibitionisten geworden. Wir zeigen unser Haus, unser Auto, unser Boot. Unser Essen, unsere Wohnung, unsere Klamotten, unser Sofa, unseren Körper, unsere Freunde, unsere Party, unsere Hochzeit, unsere Kinder, unseren Absturz …

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Jedes Foto, das ich ins Internet stelle, ist eine Performance. Ich stelle mich dar als diejenige, die ich sein will. Jung, schön, reich, berühmt. Selbst wenn ich wirklich jung, schön, reich und berühmt bin, will ich es zeigen, wie die Rich Kids of Instagram es jeden Tag tun. Privilegiert sein macht mehr Spaß, wenn die armen Schweine zuschauen.

Fotos sind die Dokumentation des Lebens. Ob dieses Leben ausgedacht ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle (oder nur eine kleine.) Der Betrachter ist immer mitgedacht. Ich stelle mich dem anderen dar. Fotos im Internet sind keine Bilder im klassischen Sinne. Ihre Kommunikationsfunktion steht im Vordergrund. Sie teilen dem Betrachter, der immer mitgedacht ist, etwas mit.

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Das Phänomen der Selfies, der Selbstportraits mit dem Smartphone, das in den letzten Jahren im Internet an Menge und Gewicht gewonnen hat, zeugt davon. Das Oxford Dictionary hat Selfie 2013 zum Wort des Jahres erklärt. Kritiker schüttelten ihre Köpfe und erhoben ihre Zeigefinge ob der grassierenden Eitelkeiten. Den Selfie-Postern wurde Narzismus und Selbstdarstellung vorgeworfen. Zum zigsten Mal der Untergang des Abendlandes beschworen. (Vielleicht ist es schon untergegangen und wir haben es nur noch nicht gemerkt. Aber ist das wirklich so schlimm?)

Doch Selfies beweisen nicht so sehr Eitelkeit, als dass sie den Freunden auf Facebook oder Instagram mitteilen: „Schaut her, da war ich, das bin ich. Wie findet ihr das?“ Der Schauspieler James Franco, der seinen Account beim Fotodienst Instagram regelmäßig mit Selfies füllt, sagt: „Selfies sind eher ein Werkzeug der Kommunikation, als dass sie ein Zeichen von Eitelkeit sind (aber ja, sie können ein wenig eitel sein).“ Seine Fans mögen es, wenn er Selfies postet. Sie danken es ihm mit Kommentaren und Herzchen unter dem Foto.

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Susan Sontag sagt, Fotos sammeln, heiße die Welt sammeln. Fotografieren bedeute, sich das Fotografierte anzueignen. Fotografische Bilder scheinen nicht so sehr Aussagen über die Welt zu sein, als Teile von ihr, Miniaturen der Realität, die jeder machen oder sich bemächtigen kann.

Daraus ergeben sich Fragen: Was bedeutet es, das Leben zu fotografieren und bei Instagram zu zeigen? Was bedeutet es, das Leben der anderen anzuschauen? Heute morgen habe ich in meinem Instagram-Account gesehen: eine Silberkette; einen Freund; ein Wollgeschäft in Los Angelos, wo ich im März war; den Mond in New York; eine Zeitschrift aus den 60ern; einen Gullideckel mit Blumen; Spaghetti Carbonara; den Berliner Friedrichstadt-Palast; Kirschblütenblätter auf Asphalt; einen Stoffbeutel mit der Aufschrift „Who needs friends anyway?“; ein Kinogebäude in Oberhausen; das Wasser des Bosporus.

Manche der Bilder wurden von Menschen veröffentlicht, die ich persönlich kenne, andere habe ich nie in echt getroffen.

Fotos machen heißt heute Fotos ins Internet stellen.

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Der Blick des Fotografierenden – wie er oder sie die Welt sieht – ist gleichberechtigt mit dem Blick des Betrachters – was er oder sie darin sieht. Ich will, dass mein Foto gesehen wird. Die Fotodienste im Internet sind nicht nur virtuelle Galerien. Sie sind Kommunikationsplattformen. Ich halte mich dort als Person auf, nicht allein als Fotografin. Ich verschwinde nie hinter meinen Bildern. Meine Bilder konstruieren und konstituieren mich als Person. Sie konstruieren eine Version meiner Welt.

Ein Dreieck: Sender/Empfänger – Botschaft – Empfänger/Sender. Ein Kreis, der sich ins Unendliche dreht. Der Empfänger wird zum Sender, der Sender zum Empfänger mit der Botschaft als Treibstoff. Nicht Zeichen, sondern Antriebsmittel.

Strukturalismus versucht die unordentliche und chaotische Wirklichkeit zu ordnen. Strukturen zu finden. Zu er-finden. Das geht nur bis zu einem gewissen Punkt. Darüber hinaus: der Abgrund.

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Das Besondere an Fotos ist, dass es da diesen Moment der Wirklichkeit gegeben hat. Irgendwann stand jemand genau so da und die Reflexion des Lichts brannte sein Abbild auf eine lichtempfindliche Schicht. Jedes Foto sagt: „Es ist so gewesen!“, meint Roland Barthes.

Heute ist die lichtempfindliche Schicht zu einem Sensor geworden. Das Bild ist grundsätzlich ein virtuelles, eine nicht-gegenständliche Verkörperung einer Bildidee, gespeichert in Nullen und Eisen. Die platonische Reflexion des Lichts an den Höhlenwänden.

Fotos werden durch die Digitalisierung immer künstlicher und konstruierter. Keine Modezeitschrift, die ohne Photoshop arbeitet. Kein Modell, das wirklich so aussieht wie auf den Bildern. Digitale Charaktere, die Menschen täuschend ähnlich sehen. Auf der anderen Seite gleichen sich die Menschen den Figuren an. Wir wollen so aussehen wie Sailor Moon. Ist Kim Kardashian echt? Die digitale Welt übernimmt die wirkliche. Wir können weniger denn je unterscheiden, ob ein Foto die Wirklichkeit abbildet oder eine digitale Konstruktion ist. Hollywood und Pixar treten den Beweis an.

Und dann der Widerspruch: Auf Instagram und Facebook posten wir Bilder unseres Lebens und geben vor, es sei echt und wahr. Und ja, wir sind total cool und glücklich und haben alles im Griff.

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Digital heißt Null und Eins. Schwarz und Weiß, Strom, kein Strom. Mehr Ordnung geht nicht. Gleichzeitig und seltsamerweise verwischt das Digitale die Unterschiede – zwischen Fotograf und Betrachter, zwischen Autor und Leser, zwischen Zuschauer und Akteur – und erzeugt eine Welt in Millionen verschiedenen Farben. Der portugiesische Tänzer, die New Yorker Köchin, Menschen im Berliner Bahnhof, ein Schäfer in Brandenburg, die Näherin in Istanbul – sie können alle direkt mit allen anderen in Verbindung treten. Sie müssen nicht mehr auf den Blick des Experten („des weißen Mannes“) warten, sondern können sich selbst darstellen, selbst sprechen.

Die analoge Fotografie hat im 20. Jahrhundert die Bildherstellung demokratisiert und das Abbild der Wirklichkeit zu einem Massenphänomen gemacht. Die digitale Fotografie hat dieses Projekt nun vollendet. Fotos sind eine weltweite Sprache geworden (wenn man ein Smartphone hat).

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Und noch einmal die Öffentlichkeit: In den sozialen Netzwerken veröffentlichen immer mehr Menschen ihre privaten Bilder. Mein Haus, mein Garten, mein Körper, mein Leben. Die Einteilung zwischen öffentlich und privat ist so porös geworden, dass sie fast schon nicht mehr besteht. Müssen wir daran festhalten? Was bedeutet Privatsphäre in einer Welt, in der wir freiwillig alles offenlegen?

Who is Thomas Pynchon? Der Schriftsteller Thomas Pynchon weigert sich seit Jahrzehnten, dass Bilder von ihm veröffentlicht werden. Er möchte es einfach nicht. Er mag keine Kameras. In der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ trat seine Figur mit einer Papiertüte über dem Kopf auf. Seine Stimme war allerdings seine eigene.

[Fortzusetzen]

Dieser Text erschien im Mai 2015 im Katalog zur Fotoausstellung „Öffentlich – Privat – Persönlich“. Ich habe ihn im September 2016 leicht überarbeitet. 

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